IM DOPPELPASS MIT
20260418 Carlson.jpg
Sie sind hier:
  1. Startseite
  2. Aktuelles
  3. News
  4. Britta Carlson: „Entscheidend ist die Kompetenz“

Britta Carlson: „Entscheidend ist die Kompetenz“

18.4.2026

Fast ein Monat ohne Ligaspiel. Im Interview mit fc.de nutzt Trainerin Britta Carlson die lange Pause der FC-Frauen, um auf die Entwicklung ihrer Mannschaft zu blicken. Sie spricht über Potenzial, das Highlightspiel und Marie-Louise Eta als erste Cheftrainerin in der Bundesliga der Männer.

Britta, zwischen dem letzten und dem nächsten Spiel liegt ziemlich genau ein Monat Pause. Wie geht Ihr damit um?

Britta Carlson: Wir haben noch ein Testspiel gemacht, was sehr hilfreich war. Danach haben wir über die Ostertage bewusst freigegeben, weil es schwierig ist, über mehrere Wochen ohne Spiele die Spannung hochzuhalten. Nach Ostern haben wir die Intensität im Training wieder erhöht und arbeiten gezielt an unseren Prinzipien, die wir im Saisonendspurt sehen wollen.

Konntest Du die freie Zeit auch persönlich nutzen, um Kraft zu tanken?

Ja, tatsächlich. Wenn ich ein paar Tage am Stück frei habe, fahre ich in die Heimat nach Hamburg. Dieses Jahr war ich das erste Mal seit wahrscheinlich 30 Jahren über Ostern zu Hause. Das war etwas Besonderes – Zeit mit Familie und Freunden, ein bisschen Gartenarbeit. Das hat gutgetan.

Die Pause ist auch ein guter Moment, um ein Zwischenfazit zu ziehen. Wie fällt dieses nach der bisherigen Saison aus?

Insgesamt positiv, aber mit Höhen und Tiefen. Wichtig war, dass wir früh mit dem Abstieg nichts zu tun hatten. Wir hatten starke Phasen, aber auch Rückfälle in alte Muster. Unser Ziel ist es jetzt, die letzten Spiele positiv zu gestalten und möglichst viele Punkte zu holen.

Sind solche Leistungsschwankungen in der Entwicklung einer Mannschaft normal?

Bis zu einem gewissen Grad ja, aber nicht in diesem Ausmaß. Da haben mein Trainerteam und ich höhere Ansprüche. Es spielen viele Faktoren eine Rolle, trotzdem müssen wir daran arbeiten, konstanter zu werden – vor allem in den Aspekten Einstellung, Intensität und dem Anspruch, jedes Spiel gewinnen zu wollen.

Wie bewertest Du die Entwicklung der Mannschaft insgesamt?

Positiv. Wir haben uns sowohl in den Statistiken als auch qualitativ verbessert. Kein Gegner spielt gerne gegen uns, und wir können auch in gewissen Spielphasen mit den Topteams mithalten. Der nächste Schritt ist, diese Leistungen über längere Phasen zu zeigen und auch mal ein Spitzenteam zu schlagen.

Aktuell steht Ihr auf Platz acht. Entspricht der Platz dem, wo Du die Mannschaft vom Leistungsniveau her einstufst?

Im Moment ja. Mit mehr Konstanz wäre vielleicht mehr drin gewesen, aber genau daran müssen wir arbeiten. Wir sind noch nicht gefestigt genug, um in schwierigen Phasen immer stabil zu bleiben.

Wie versuchst Du, diesen Anspruch an sich selbst, diese Konstanz, im Alltag an die Spielerinnen zu vermitteln?

Wir arbeiten sehr detailliert an allen Bereichen – sportlich, aber auch im Umfeld. Die Professionalität wächst stetig, und das ist wichtig. Gleichzeitig versuchen wir, bei aller Ambition eine gewisse Lockerheit zu bewahren, damit der Spaß nicht verloren geht.

Eine Spielerin, die dieses Sieger-Gen sicher verkörpert, ist Marina Hegering. Welche Rolle spielt sie?

Eine sehr große. Spielerinnen mit Siegermentalität ziehen andere mit und besonders junge Spielerinnen profitieren davon. Diese Mischung aus Erfahrung, Ehrgeiz und positiver Energie ist enorm wichtig für unsere Entwicklung. Es geht dabei auch nicht nur um Marina. Pauline Bremer hat beispielsweise schon einiges gewonnen in ihrer Karriere, bringt diese Siegermentalität ein. Laura Feiersinger als erfahrene Spielerin führt auf eine andere Art, da haben wir verschiedene Facetten im Team.

imago1071678456.jpg

Vier Spiele stehen noch aus. Was sind die konkreten Ziele

Am besten natürlich vier Siege (lacht). Realistisch gesehen wollen wir so viele Punkte wie möglich holen und die 30-Punkte-Marke auf jeden Fall knacken. Ein starker Saisonabschluss ist uns wichtig, auch mit Blick auf die nächste Spielzeit, um ein gutes Gefühl mitzunehmen.

Eines der Spiele wird das Highlightspiel im RheinEnergieSTADION sein. Wie groß ist Deine Vorfreude darauf?

Es macht großen Spaß, vor so einer Kulisse zu spielen und ich freue mich darauf. Für die Spielerinnen ist das etwas ganz Besonderes. Die Atmosphäre ist einzigartig und solche Spiele bleiben im Kopf. Gerade gegen einen Gegner wie Bremen, der sicher auch einige Fans mitbringen wird, verspricht das eine tolle Stimmung.

Du kennst das Stadion bestens, aus Pokalfinals mit dem VfL Wolfsburg oder dem Highlightspiel vergangene Saison. Welche besonderen Erinnerungen hast Du?

Gegen die Bayern wusste man, dass man die Punkte mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit nicht hierbehält. Das sieht dieses Mal hoffentlich anders aus. Bremen ist in der Tabelle vor uns, aber ein Gegner, vor dem wir uns nicht verstecken müssen. Die Pokalfinals mit Wolfsburg waren natürlich besonders, insbesondere, weil wir jedes Finale gewonnen haben. Ich habe hier also schon einige Kabinenfeiern erlebt. Das ist immer in schöner Erinnerung geblieben.

Im RheinEnergieSTADION findet auch das Pokalfinale der Frauen statt. Ihr habt die Reise ein Stück weit leichtfertig hergegeben…

Das kann man definitiv so sagen. Wir hatten davor gewarnt, den Gegner zu unterschätzen. Das ist uns aber passiert. Wir sind eine Mannschaft, die in jedem einzelnen Spiel ans Limit gehen muss, um erfolgreich zu sein.

Du bist jetzt etwas mehr als eineinviertel Jahre Cheftrainerin. Hat sich alles so entwickelt, wie Du es Dir vorgestellt hast?

In vielen Punkten ja. Der Verein hat großes Potenzial und eine besondere Atmosphäre und Strahlkraft. Natürlich gibt es noch Baustellen, aber wir sind auf einem guten Weg und entwickeln uns Schritt für Schritt weiter. Es ist in den vergangenen Jahren, gerade durch die Arbeit von Nicole Bender-Rummler, schon viel Positives passiert.

Was konntet Ihr in dieser Zeit konkret bewegen?

Sportlich haben wir früh Planungssicherheit geschaffen, indem wir den Klassenerhalt gesichert haben. Darüber hinaus haben wir viele Prozesse angestoßen – von Trainingsbedingungen bis hin zur Infrastruktur. Da gibt es noch Luft nach oben, aber wir arbeiten daran.

20260418 Carlson2.jpg

Warum hast Du Deinen Vertrag verlängert?

Weil es einfach passt. Ich arbeite gerne hier, mag die Menschen, die Stadt und den Verein. Außerdem sind wir noch lange nicht fertig – wir haben gerade erst angefangen, etwas aufzubauen. Es ist für mich die erste Cheftrainerinnen-Station. Ich habe hier ein Trainerteam vorgefunden, das absolut funktioniert mit tollen Menschen und einer hohen Fachkompetenz, das ist einfach schön.

Diese Woche gab es mit der ersten Cheftrainerin in der Männer-Bundesliga einen historischen Moment: Marie-Louise Eta übernimmt bei Union Berlin. Wie hast Du diese Nachricht aufgenommen?

Ich habe mich sehr gefreut und war nicht überrascht. Sie bringt alles mit, was es braucht. Das ist ein wichtiger Schritt für den Fußball, und ich bin sicher, dass sie ihren Weg erfolgreich gehen wird.

Kennst Du Marie-Louise Eta?

Ja, tatsächlich schon seit sie zwölf Jahre alt ist. Zu meiner Zeit in Potsdam gab es ein Mentoren- und Patenprogramm, über das wir uns kennengelernt haben. Ich habe sie in meiner Rolle als Koordinatorin für die Jugendnationalmannschaften später zum DFB geholt. Ich schätze sie wirklich sehr, sie ist ein ganz toller Mensch und eine tolle Trainerin. Die Situation richtet den öffentlichen Fokus nun natürlich sehr auf sie. Wichtig ist, dass sie einfach ihren Job macht und ich bin mir sicher, dass sie den gut machen wird. Für uns im Fußball Tätige ist das ein Riesenschritt, auf den alle gewartet haben. Marie-Louise ist genau die Richtige dafür.

Gleichzeitig gab es auch negative Stimmen, Union musste sich von sexistischen Kommentaren in den sozialen Medien distanzieren. Wie sehr ärgert Dich das?

Ärgern ist das falsche Wort, ich kenne es nicht anders, nachdem ich inzwischen 40 Jahre im Fußball tätig bin. Das ist leider ein Spiegel der Gesellschaft. Es wird besser, aber solche Kommentare gibt es leider immer noch. Entscheidend ist die Kompetenz – und die hat nichts mit dem Geschlecht zu tun.

Ist der Männerfußball bereit für mehr Frauen in verantwortlichen Positionen?

Ja, absolut. Aber es liegt auch an uns Frauen, Chancen zu ergreifen, wenn sie sich ergeben. Da wird noch nicht jede offene Tür betreten. Es geht aber auch in die andere Richtung, ich arbeite in meinem Team auch unheimlich gerne mit meinen männlichen Co-Trainern zusammen. Das ergänzt sich super.