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Philipp Liesenfeld: „Tradition und Moderne verbinden“
Philipp Liesenfeld sitzt in seinem Büro am Geißbockheim. Das unglaubliche Fallrückzieher-Tor von Ragnar Ache liegt wenige Tage zurück. An der Wand in seinem Büro hängt ein historisches Foto, das den ersten FC-Präsidenten Franz Kremer und Spieler zeigt. Liesenfeld, seit mehr als einem dreiviertel Jahr Geschäftsführer Marketing und Vertrieb beim 1. FC Köln, spricht mit dem GeißbockEcho über die Verbindung von Historie und Marke, über die Umstellung auf Eigenvermarktung, begehrte Tickets, eine Vorreiterrolle und seine eigene Geschichte vom Praktikanten zum Geschäftsführer.
Philipp, lass uns etwas untypisch mit einer sportlichen Frage an Dich einsteigen. Wie hast Du diesen Moment, dieses Traumtor von Ragnar Ache erlebt?
Philipp Liesenfeld: Wir saßen glücklicherweise genau auf der Höhe, als Ragnar zum Fallrückzieher angesetzt hat. In dem Moment haben alle im Stadion gespürt, dass etwas Besonderes passiert ist. Mit ein bisschen Abstand und wenn man sieht, wie national und international darüber berichtet wird, merkt man, was für ein besonderer Moment das war. Ich freue mich vor allem für ihn, weil er eine tolle Entwicklung genommen hat. Gleichzeitig tut so ein Moment auch dem Club gut. Wenn in Müngersdorf etwas Außergewöhnliches passiert, zehren wir alle davon.
Kann man sich Dich während der 90 Minuten als emotionalen Fan vorstellen?
Ja, schon. Ich habe mein Leben lang Fußball gespielt und war immer ein emotionaler Typ. Gerade in der Crunchtime bin ich schon emotional. Das lässt sich auch nicht zurückhalten – und ich finde, das gehört dazu. Wir müssen alle mit dem Herzen dabei sein, und das zeige ich auch.
Ist so ein außergewöhnlicher Moment wie das Ache-Tor vielleicht mit das markenprägendste, was ein Verein haben kann?
Zu einem gewissen Teil schon. Bei uns ist jedes Heimspiel aufgrund der Atmosphäre und der Identität des Clubs etwas Besonderes. Aber solche Highlights machen auch über die Stadtgrenzen hinaus spürbar, was hier passiert. Das gilt auch für Erlebnisse wie das ausverkaufte Youth-League-Spiel im RheinEnergieSTADION, bei dem wir sehr positives Feedback bekommen haben. In solchen Momenten merkt man noch deutlicher, dass wir ein besonderer Verein sind. Gleichzeitig begeistern solche Erlebnisse besonders junge Fans – und das sieht man auch auf unseren Social-Media-Kanälen. Deshalb sind sie auch für die Marke relevant.
Wofür steht der 1. FC Köln im Jahr 2026 als Marke?
Bei der Marke muss man aufpassen, nichts Neues zu erfinden, was der Club nicht ist. Die DNA des Vereins ist immer gleich geblieben und die solltest du auch nicht verändern. Wir sitzen hier in meinem Büro vor einem Bild von Franz Kremer, das ist unsere Geschichte, unsere Basis. Gleichzeitig haben wir den Anspruch, die Marke weiterzuentwickeln und modern zu interpretieren. Für uns geht es darum, Tradition und Moderne zu verbinden. Das schließt sich heute nicht mehr aus. Das Domtrikot ist ein gutes Beispiel: etwas sehr Regionales und Traditionelles kombiniert mit einem modernen Produkt und einer modernen Kampagne. Diese beiden Pole sollen auch künftig unsere Markenpositionierung prägen.
Was zahlt alles in die Marke und Wahrnehmung eines Fußballclubs ein – speziell beim FC?
Zum einen Dinge, die wir beeinflussen können, aber auch vieles, was nicht beeinflussbar ist. Im Kern steht bei uns dieses „Jeföhl“, das jeder spürt, der mit dem FC in Berührung kommt, aber kaum jemand erklären kann. Dass Menschen so begeistert und treu sind, ist ein Geschenk, das wir haben. Darüber hinaus geht es um klare Positionierung. Beispiele sind unsere bewusste Einbindung in den Karneval mit Wagen, Sitzung und Trikot oder unsere Positionierung als Topverein in der Nachwuchsarbeit, etwa beim Youth-League-Spiel. Außerdem wollen wir im Marketing Vorreiter bei digitalen Themen, Content und Social Media sein.
Wie abhängig sind Marketing und Vertrieb vom sportlichen Erfolg?
Es gibt definitiv eine Korrelation. Trotzdem ist der FC einer der wenigen Vereine, der sich ein Stück weit unabhängiger davon gemacht hat. Das zeigt die Nachfrage: Selbst im Zweitliga-Szenario haben wir Rekorderlöse erzielt, obwohl die Saison sportlich nicht überragend war. Natürlich sinken in der 2. Liga Medienerlöse und Sponsoringeinnahmen, aber viele andere Geschäftsmodelle liegen auf einem Top-Niveau im Erstliga-Vergleich. Das hängt mit der starken Marke und der besonderen Verbindung der Menschen zum Club zusammen. Trotzdem ist sportlicher Erfolg natürlich der größte Hebel für Wachstum und zusätzliche Erlöse. Unser Ziel ist, dass beides zusammen gut funktioniert.
Das von Dir bereits angesprochene Domtrikot ist das meistverkaufte Trikot der Vereinsgeschichte. Wie blickst Du darauf zurück?
Mit Stolz. Wir wollten nicht nur ein Produkt launchen, sondern etwas Emotionales schaffen: die Verbindung von Club, Stadt und Dom. Wir haben viel in dieses Thema gesteckt und am Ende ist daraus mehr als ein Trikot entstanden. Die Kampagne und die Geschichte dahinter haben die Menschen stärker erreicht als ein normaler Trikotlaunch. Es ging um Identität und Emotionen. Für mich ist das ein Beispiel dafür, wie Vermarktung funktionieren sollte: mit starken Inhalten und Geschichten – nicht nur mit Produkten. Das Team hier und unser Ausrüster hummel haben einen großartigen Job gemacht.

War dieses Rekordtrikot auch der perfekte Abschluss der Partnerschaft mit hummel?
Die Zusammenarbeit mit hummel war von Anfang an sehr partnerschaftlich und erfolgreich. Wir haben gemeinsam viele Highlights erlebt, und das Domtrikot im letzten Vertragsjahr ist eines davon. Insgesamt hat hummel sehr gut zum FC gepasst und war in den vergangenen Jahren genau der richtige Partner. Mit dem Wechsel zu adidas im Sommer beginnt für uns ein neuer Abschnitt, auf den wir uns unglaublich freuen.
Was versprichst Du Dir von der Zusammenarbeit mit adidas?
adidas ist die Fußballmarke schlechthin und interpretiert Fußball heute sehr modern, auch im Lifestyle-Bereich. Gleichzeitig waren sie früher schon einmal unser Partner – und die erfolgreichste Zeit des Clubs war mit den drei Streifen auf dem Trikot. Das ist eine emotionale Verbindung, auf die wir aufbauen können. Wir glauben, dass diese Partnerschaft viel Tiefe hat und gleichzeitig junge Menschen begeistern kann. Tradition und Moderne kommen hier wieder zusammen. Das ist ein perfekter Fit für uns.
Wird es mit adidas weiterhin Sondertrikots wie ein Karnevalstrikot geben?
Die Trikots werden natürlich einen großen Fokus haben, besonders die ersten adidas-Trikots. Auch Sondertrikots wie ein Karnevalstrikot sind möglich – sonst hätten wir die Partnerschaft nicht umgesetzt. Neben den Trikots wird auch die Kollektion und die Teamwear, also Trainingskleidung, eine größere Rolle spielen. Darauf können sich Mannschaft und Fans freuen.
Bleiben wir beim Thema Karneval: Du warst in diesem Jahr auf dem Rosenmontagswagen des FC. Wie hast Du diese Verbindung zwischen Stadt und Verein an diesem Tag erlebt?
Ich bin lange im Verein und dachte, ich kenne die Begeisterung bestens, aber das hat mich wirklich umgehauen. Egal ob Kinder, Erwachsene oder Ältere – wenn der FC-Wagen vorbeifährt, kommt dir maximale Begeisterung entgegen. Diese Intensität spürt man sonst selten so stark. Es zeigt noch einmal deutlich, wie besonders die Verbindung zwischen Club und Stadt ist.

Wie haben die Spieler diesen Tag erlebt?
Ich glaube, es hat sie wirklich beeindruckt. Gerade der Hype um Said war unglaublich – so etwas habe ich selten gesehen. Die Spieler merken dadurch, wie besonders dieser Club ist. Gleichzeitig waren sie sehr dankbar und haben den Moment auch genossen.
Der FC ist aktuell in einem wichtigen Prozess und nimmt nach und nach die Vermarktung wieder in die eigene Hand. Wie ist hier der aktuelle Stand?
Beim Neugeschäft arbeiten wir weiterhin mit infront zusammen, alles andere haben wir bereits übernommen. Wir bauen gerade Strukturen auf, sammeln Erfahrungen und haben über zehn neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt. Gleichzeitig führen wir viele Gespräche mit bestehenden und potenziellen Partnern. Jetzt beginnt die erste große Sales-Phase mit Blick auf Sommer 2026. Ziel ist, bis 2027 komplett auf eigenen Füßen zu stehen.
Wie groß ist dabei die Herausforderung – und wie groß die Chance?
Natürlich ist es eine große Aufgabe, aber ich habe schon immer vor allem die große Chance gesehen. Wir haben auch früher schon viel Vermarktung intern gemacht. Jetzt wollen wir es noch besser machen und vor allem die Nähe zu unseren Partnern stärken. Der FC soll der beste Partner für seine Partner sein. Wenn wir das schaffen, entstehen daraus auch wirtschaftliche Potenziale.
Wo kann der FC in der Vermarktung noch besser werden?
Wichtig ist eine klare Basis: Marke, Identität und Positionierung müssen klar definiert sein. Dazu kommt Reichweite und Content – wir müssen gute Geschichten erzählen, die Menschen berühren. Und der dritte Punkt ist Technologie. Wir investieren etwa in digitale Flächen im Stadion und überlegen, welche neuen Vermarktungsformate entstehen können. Wenn diese Basis stimmt, ergibt sich auch wirtschaftlicher Erfolg – denn der Euro am Ende ist immer nur das Ergebnis der Arbeit davor.

Der FC hat sich fest auf die Fahne geschrieben, mitgliederzentriert und investorenfrei zu sein. Wie wichtig ist der Bereich Vermarktung vor allem vor diesem Hintergrund?
Sehr wichtig. Viele Vereine haben inzwischen externe Geldgeber, wir ganz bewusst nicht und das ist völlig in Ordnung so. Deshalb müssen wir im operativen Geschäft aber umso besser sein. Am Ende geht es darum, möglichst viel Geld für den sportlichen Bereich zu erwirtschaften, damit Thomas Kessler dort einen konkurrenzfähigen Kader zusammenstellen kann. Gleichzeitig dürfen wir dabei unseren einzigartigen Charakter als Club nicht verlieren oder überkommerzialisieren. Das Domtrikot ist ein gutes Beispiel, wie wirtschaftlicher Erfolg und Identität zusammengehen können.
Der FC war historisch oft Vorreiter, angefangen bei Franz Kremer. Wie wichtig ist es, diesen Geist auch heute zu leben?
Sehr wichtig. Neben Tradition und Emotion ist genau das ein Differenzierungsmerkmal. Wir müssen mutig sein, Dinge anders machen und besondere Momente – wie Ragnars Fallrückzieher – nutzen, um Begeisterung und Reichweite zu erzeugen. Wichtig ist, dass wir dabei immer innerhalb unserer klaren Identität bleiben.
Auch digital möchte der FC Vorreiter sein. Wo steht der FC hier?
Wir haben eine deutlich bessere Basis geschaffen: neue Website, neue App und bald einen neuen E-Commerce-Store, auch im Zusammenhang mit dem adidas-Launch. Jetzt geht es darum, Inhalte stärker zu verbreiten und Reichweite aufzubauen. Gleichzeitig schauen wir auf neue Technologien wie KI, die uns effizienter machen können – etwa bei Content oder Partnerangeboten.
Ebenfalls in Deinen Bereich fällt das Ticketing. Die Nachfrage nach Tickets übersteigt das Angebot seit Jahren deutlich. Wie geht der Club damit um?
Das ist eine große Verantwortung und wir versuchen, die Ticketvergabe möglichst fair zu gestalten, damit Mitglieder regelmäßig die Chance auf Karten haben. Wir sind an einer Kapazitätsgrenze, deshalb beschäftigt sich auch der Vorstand strategisch mit möglichen Lösungen, etwa einem Stadionausbau. Die Warteliste für Dauerkarten liegt inzwischen bei über 40.000. Das Problem liegt weniger am Ticketsystem, sondern schlicht an der enormen Nachfrage. Wir sind intern in einem ständigen Prozess, um zu überlegen, wie wir es bestmöglich und fair gestalten können. Ich weise hier auch gerne auf den Zweitmarkt hin, dort gibt es immer wieder Möglichkeiten, Tickets zu bekommen – beispielsweise gegen Leipzig oder Hoffenheim, als noch einmal kurzfristig größere Kontingente frei wurden.
Erinnerst Du Dich an Deinen ersten Stadionbesuch?
Mein erster Besuch in Köln war bei einem Länderspiel. Mein erstes Bundesligaspiel war als Praktikant beim FC 2012 gegen den FC Bayern – leider ein sehr schwarzer Tag für den FC durch den Abstieg, als die „schwarze Wolke“ hochging. Aber es war mein erster Arbeitstag und damit ein besonderer Moment.

Was bedeutet es Dir, im Fußball arbeiten zu dürfen?
Es ist ein Privileg, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Mein Vater war Fußballer, ich habe auch immer Fußball gespielt. Ich habe dann BWL mit Schwerpunkt Sportmanagement studiert. Der Traum von jedem, der das studiert, ist es, einmal bei einem Bundesligaverein zu arbeiten. Dass sich daraus über die Jahre so eine Entwicklung ergeben hat, ist etwas Besonderes – manchmal muss man sich auch kneifen, weil man im Alltag oft gar nicht realisiert, was man alles erlebt hat.
Was macht die Branche Fußball so besonders?
Zum einen die Vielzahl der Stakeholder – Medien, Fans, Partner, Politik, Spieler, Berater. Dazu kommt die enorme mediale Aufmerksamkeit. Und natürlich die Volatilität: Ein Tor kann über Auf- oder Abstieg entscheiden und damit über Millionenbeträge. Das ist aber auch der größte Reiz, dass das Ergebnis nie vorhersehbar ist. Dazu kommt die generationenübergreifende Begeisterung. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten kommen zusammen – das macht Fußball einzigartig.
Wenn Du auf Deinen Weg vom Praktikanten zum Geschäftsführer zurückblickst: Wie stolz macht Dich diese Entwicklung?
Natürlich macht sie mich auf eine gewisse Art stolz. Aber ich schaue weniger zurück. Mir geht es darum, jeden Tag zu helfen, den Club weiterzuentwickeln. Wenn sich der FC positiv entwickelt, ist das für mich das wichtigste Ergebnis unserer gemeinsamen Arbeit. Wenn Du meine Eltern fragen würdest, würden sie wahrscheinlich mehr von Stolz sprechen.
Was hast Du in all den Jahren gelernt, das Dir nun auch in Deiner Funktion als Geschäftsführer hilft?
Drei Dinge: Vertrauen, Spaß und Ambition. Vertrauen in sich selbst und in andere. Spaß an der gemeinsamen Arbeit – wie in einer Fußballkabine. Und die Ambition, immer das Maximum für den Club erreichen zu wollen. Wenn diese drei Dinge zusammenkommen, entsteht eine erfolgreiche Kultur.
Der FC hat sich in der Führung – für Branchenverhältnisse – mittelfristig aufgestellt, in Vorstand und Geschäftsführung haben alle bis mindestens 2028 Vertrag oder sind gewählt. Wie funktioniert die Zusammenarbeit auf dieser Ebene?
Sehr gut. Wir haben intensiv an einer gemeinsamen strategischen Perspektive gearbeitet. Es gibt ein klares Rollenverständnis und viel Vertrauen. Auch persönlich passt es gut, und wir teilen eine ähnliche Vorstellung davon, wie wir den Club weiterentwickeln wollen. Diese Kontinuität ist eine große Chance.
Wo siehst Du den FC in fünf Jahren?
Ich hoffe, dass wir uns sportlich in der Bundesliga etabliert haben und vielleicht wieder um europäische Plätze spielen. Wirtschaftlich wünsche ich mir ein klares Profil und eine erfolgreiche Verbindung aus Tradition und Moderne. Wenn wir unsere Stärken konsequent nutzen, können wir uns dauerhaft in der Bundesliga etablieren und weiter wachsen.
Das Interview ist zunächst im GeißbockEcho (Ausgabe 3, Saison 2025/26) erschienen. Viele weitere Hintergrundgeschichten findet Ihr hier im geschlossenen Mitgliederbereich.
