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Stefan Wessels: Köln im Herzen, die WM vor Augen
Er hat fünf Jahre für den FC Bayern und vier Jahre für den 1. FC Köln gespielt. Seit einigen Jahren ist Stefan Wessels Torwarttrainer und seit einem Jahr im Stab von Bundestrainer Julian Nagelsmann bei der A-Nationalmannschaft. Im Interview spricht der 47-Jährige über die anstehende WM, das anstehende Duell seiner beiden Ex-Clubs, Manuel Neuer, Jonas Urbig und Marvin Schwäbe sowie den jungen Thomas Kessler.
Stefan, Du bist seit einem Jahr im Stab von Julian Nagelsmann bei der Nationalmannschaft dabei. Wie ist es, mit den besten Torhütern des Landes zu arbeiten?
Stefan Wessels: Ich durfte schon einige Jahre im Nachwuchsbereich des DFB auf dem höchsten Niveau der jeweiligen Jahrgänge arbeiten. Nun mit den Torhütern auf dem absoluten Top-Niveau arbeiten zu dürfen, macht richtig viel Spaß und ist auch eine große Ehre.
Du bist einer von zwei Torwarttrainern beim DFB-Team. Wie teilt Ihr Euch die Aufgaben auf?
Ich habe beispielsweise die jüngeren Torhüter verstärkt im Blick oder analysiere den gegnerischen Torhüter im Rahmen der Spielvorbereitung. Insgesamt geht es für uns darum, gerade jetzt im Hinblick auf die WM, alle Torhüter im Blick zu haben, sowohl im Livescouting als auch per Videoanalyse. Bei mir kommt neben der DFB-Tätigkeit noch ein weiterer Job hinzu.
Erzähl gerne davon.
Ich bin bei BaKoS - Die Osnabrücker Ballschule e.V. engagiert. BaKoS haben wir auf meine Initiative hin vor inzwischen 14 Jahren gegründet. Wir kümmern uns vor allem um Kinder und möchten sie allgemein für Ballsport begeistern – nicht ausschließlich für Fußball. Mittlerweile sind wir auch im Rahmen der bundeweiten Initiative „Sport vernetzt“ vor allem in Bereichen aktiv, in denen Kinder und Familien besondere Herausforderungen haben. Wir verstehen uns deshalb mittlerweile vor allem als Sozialraumakteur.
Du deckst also die komplette Bandbreite ab, von der absoluten Basisarbeit bis zur absoluten Spitze.
Ganz genau. Das ist natürlich manchmal auch fordernd, aber vor allem unglaublich spannend, weil die Arbeit so abwechslungsreich ist. Ich hatte schon als Fußballprofi das große Glück, genau das machen zu dürfen, was mir Spaß macht. Das ist bis heute so – und es fühlt sich nicht wie Arbeit an.
Die WM in Kanada, Mexiko und den USA steht vor der Tür. Wie groß ist das Kribbeln bereits?
Ich durfte als Fußballer einiges erleben, Titel gewinnen, war im Team 2006 dabei, habe es aber nie bis zur A-Nationalmannschaft geschafft. Jetzt als Trainer ein großes Turnier miterleben zu dürfen, ist für mich etwas ganz Besonderes und ich freue mich riesig darauf.
Wie entscheidend ist die Torhüter-Leistung bei einem solchen Turnier, um weit zu kommen?
Torhüter sind immer enorm wichtig – und als Torwarttrainer sage ich natürlich, dass der Torwart die wichtigste Position auf dem Platz ist (lacht). Erfolgreiche Turniermannschaften zeichnen sich allerdings nicht nur durch einen starken Torhüter, sondern insgesamt durch eine stabile Defensive haben. Wenn uns das gelingt, haben wir gute Chancen auf ein erfolgreiches Turnier.

Bälle fangen kann auf diesem Niveau jeder Torhüter. Wie arbeitet Ihr mit ihnen, dass sie auf den Punkt da und fokussiert sind?
Ich bin fest davon überzeugt, dass der Kopf eine enorme Rolle spielt – gerade auf der Torwartposition. Denn als Torwart weißt du: Wenn du einen Fehler machst, führt das meistens direkt zu einem Gegentor. Und anders als Feldspieler kannst du diesen Fehler oft nicht mehr korrigieren. Du kannst acht überragende Paraden zeigen – und wirst trotzdem an der einen Aktion in der 90. Minute gemessen. Das erhöht den mentalen Druck enorm. Deshalb geht es darum, mit diesem Druck umgehen zu können und dauerhaft fokussiert zu bleiben. Die tägliche Hauptarbeit findet natürlich in den Vereinen statt, weil wir die Torhüter beim DFB immer nur für kurze Zeit zusammenhaben.
Blicken wir auf die Bundesliga. Am letzten Spieltag kommt es zum Duell Deiner beiden Ex-Clubs FC Bayern und 1. FC Köln. Wie ist Deine Verbindung noch zu den beiden Clubs?
Ich beobachte beide natürlich zum einen aufgrund meiner DFB-Tätigkeit, aber auch aus persönlichem Interesse. Die Bayern-Mannschaft von 2001 ist am Samstag zum Spiel aufgrund des 25-jährigen Jubiläums des Champions-League-Sieges eingeladen. Ich wohne in Osnabrück – da ist München natürlich nicht gerade um die Ecke. Genauso gerne bin ich aber auch in Köln. Selbst wenn ich nur mit dem Zug durchfahre und den Dom sehe, verbinde ich sofort etwas Positives damit. Ich mag die Atmosphäre, das Stadion und die Fans. Deshalb freut es mich besonders, dass unser Treffen ausgerechnet beim Spiel gegen den FC stattfindet.
Bei den Bayern steht mit Manuel Neuer der wohl beste Torhüter aller Zeiten zwischen den Pfosten. Wie hat er das Torwartspiel geprägt?
Wie du schon sagst: Manuel Neuer hat das Torwartspiel der vergangenen 15 Jahre geprägt und auf ein neues Level gehoben. Er ist der Prototyp des modernen Torwarts und hat eine außergewöhnliche Karriere hingelegt.
Merkst Du auch in der Arbeit mit jüngeren Torhütern und Kindern, dass Manuel Neuer DAS Vorbild ist auf dieser Position?
Ja, absolut. Ich habe selbst zwei Jungs, der Große wird 19, der Kleine 16. Mein älterer Sohn ist praktisch mit Manuel Neuer groß geworden und hat die großen Erfolge mit Champions-League-Sieg und WM-Titel miterlebt. Natürlich kommen inzwischen neue Vorbilder nach, aber Manuel Neuer war über viele Jahre der Maßstab für eine ganze Generation von Torhütern.
Ist es auch für Dich unglaublich, dass er mit 40 Jahren noch solche Weltklasseleistungen wie zuletzt im Champions-League-Halbfinale zeigt?
Absolut. Das freut mich persönlich für ihn und natürlich auch für den FC Bayern. Es zeigt, wie professionell er mit seinem Körper arbeitet und wie fokussiert er bis heute ist, um weiterhin auf diesem Niveau spielen zu können.
Allein das Alter von 40 Jahren zeigt aber auch, dass seine Karriere dem Ende zugeht. Findet in München gerade der Generationenübergang statt, auch fürs deutsche Nationaltor?
Das muss man abwarten – sowohl bei Manuel Neuer als auch insgesamt auf der Torwartposition. Jonas Urbig macht es bislang richtig stark. Ich bin gespannt, wie sich das in der kommenden Saison weiterentwickelt.

Jonas Urbig kommt aus dem FC-Nachwuchs. Wie bewertest Du ihn?
Ich durfte Jonas bereits von der U18 bis zur U20 beim DFB begleiten. Der Schritt nach München ist bislang hervorragend aufgegangen. Er sammelt Training auf höchstem Niveau und gleichzeitig wertvolle Spielpraxis auf allerhöchstem Niveau – das ist für einen jungen Torhüter ideal.
Ist für ihn das Training an der Seite von Manuel Neuer sogar noch wertvoller als die für junge Torhüter wichtige Spielpraxis?
Ich glaube schon, dass Spielpraxis das A und O ist. Für ihn ist es bislang perfekt aufgegangen, weil er beides bekommt: Training auf höchstem Niveau und viel Spielpraxis.
Beim FC steht seit einigen Jahren Marvin Schwäbe im Tor und war in wechselhaften FC-Jahren leistungstechnisch eine Konstante. Zwischenzeitlich wurde er medial auch für den DFB schon ins Rennen geworfen. Wie blickst Du auf ihn?
Was Marvin besonders auszeichnet, ist seine Konstanz. Das ist aus meiner Sicht eines der größten Komplimente, die man einem Torhüter machen kann. Auch in schwierigen Phasen hat er seine Leistung zuverlässig gebracht.
Du warst fünf Jahre in München, vier Jahre beim FC als Spieler aktiv. Wie blickst Du auf diese Zeit zurück?
Ich hatte bei beiden Vereinen eine tolle Zeit. In München habe ich zwar relativ wenig gespielt, durfte dafür aber große Titel gewinnen – darunter die Champions League, mehrere Meisterschaften und den Weltpokal. Allerdings stand ich dort nicht in der ersten Reihe, weshalb ich mich damals bewusst für den Wechsel nach Köln entschieden habe. Ich wollte spielen. Beim FC hatte ich leider auch mit Verletzungen zu kämpfen und musste mich mehrfach zurückarbeiten. Trotzdem habe ich die Zeit sportlich wie privat sehr genossen.

Gibt es besondere Anekdoten, die Dir sofort in den Kopf kommen, wenn Du an Köln denkst?
(lacht) Sofort fällt mir unser erstes Training unter Christoph Daum im RheinEnergieSTADION ein. Da wurden ihm Kinder zum Segnen hingehalten. Das war schon speziell, zeigt aber auch diese besondere Emotionalität und Begeisterung, die in Köln herrscht.
Als Du hier Torhüter warst, kam Thomas Kessler gerade als junger Torhüter hoch. Wie hast Du ihn damals wahrgenommen?
Sehr angenehm. Wir hatten ein gutes Verhältnis. Natürlich wollte er meinen Platz haben – aber den habe ich nicht freiwillig hergegeben (lacht). Er war ein sehr guter Kollege und wir haben gerne zusammen trainiert. Umso mehr freut es mich, welchen Weg er inzwischen auch abseits des Platzes beim FC gegangen ist.

Wie verfolgst Du seine Arbeit inzwischen als Geschäftsführer?
Aus der Distanz, aber durchaus aufmerksam. Am Ende zählen im Fußball natürlich die Ergebnisse – und der FC ist in der Bundesliga geblieben. Gleichzeitig war das keine einfache Situation mit einem großen Umbruch. Dafür hat er aus meiner Sicht einen guten Job gemacht.
Blicken wir auf Deine Anfänge als Spieler. Du hast nie ein klassisches NLZ durchlaufen, sondern hast in der Heimat gespielt und bist dann in die zweite Mannschaft der Bayern gewechselt. Wäre Dein Weg im heutigen Fußball noch möglich?
Ich würde nicht sagen, dass so ein Weg heute unmöglich ist – aber sicherlich deutlich schwieriger. Die heutigen Nachwuchsleistungszentren gab es damals in dieser Form noch nicht. Gleichzeitig war selbst zu meiner Zeit ungewöhnlich, dass ein Torhüter vom TuS Lingen den Sprung in die Junioren-Nationalmannschaft schafft. Die Einführung der NLZ war insgesamt ein riesiger Schritt nach vorne – gerade auch auf der Torwartposition. Davon profitiert heute natürlich auch die Nationalmannschaft.
Ein talentierter Torhüter scheint auch Dein Sohn Felix zu sein, er spielt in der U19 des VfL Osnabrück. Was wird den jungen Torhütern heute abverlangt?
Durch meinen beiden Söhne bekomme ich vieles hautnah mit. Die technische und taktische Ausbildung ist heute sehr gut. Aus meiner Sicht ist aber genauso wichtig, dass junge Torhüter lernen, mit Widerständen umzugehen. Wir müssen sie fördern, aber auch fordern.
Wie schätzt Du Deinen Sohn sportlich ein?
Er hat sich vieles selbst erarbeitet. Vor acht Jahren ist er in die U11 des VfL Osnabrück gewechselt und hat sich Schritt für Schritt weiterentwickelt. Zu Beginn hätten vermutlich nicht viele damit gerechnet, dass er heute regelmäßig in der U19 spielt und bei den Profis mittrainiert und sogar zur Meisterfeier der Profis eingeladen ist. Das bestätigt für mich einmal mehr, wie entscheidend Mentalität, Wille und Widerstandsfähigkeit in der Entwicklung junger Torhüter sind.
