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Wolfgang Niedecken: „In Köln war Fußball immer gleich FC“

26.3.2026

Wolfgang Niedecken spielt im Juli zum 50-jährigen Jubiläum seiner Band BAP im RheinEnergieSTADION. Im Interview mit dem GeißbockEcho blickt der Sänger auf seine FC-Beziehung als Kind, seine Freundschaft zu Hans Schäfer und einen besonderen Auftritt mit den Rolling Stones.

Wolfgang, Du hast schon ein paar Mal erzählt, was Dein erstes FC-Spiel im Stadion war – gegen Nürnberg. Welche konkreten Erinnerungen hast Du noch an dieses Spiel?

Wolfgang Niedecken: Da war ich noch relativ jung. Mein großer Bruder, mein Halbbruder aus der ersten Ehe meines Vaters, hat mich damals mitgenommen. Er war etwa 20 Jahre älter als ich und hat selbst Fußball gespielt. Ich war von der ganzen Atmosphäre im Stadion völlig beeindruckt. An das Spiel selbst erinnere ich mich ehrlich gesagt kaum noch. Ich weiß nur noch, dass wir hoch gewonnen haben. Ich weiß nicht einmal mehr genau, wie alt ich war. Klar ist nur: Alleine hätte ich mich damals noch nicht ins Stadion getraut.

Welchen Bezug hattest Du damals zum Fußball?

Fußball spielte bei uns zu Hause eine große Rolle. Wenn mein Vater und mein Bruder die Spiele im Radio hörten, lag ich als kleiner Junge auf dem Teppich und spielte mit meinen Matchbox-Autos. Ich hörte die Namen der Spieler: Helmut Rahn, Fritz Walter und vor allem Hans Schäfer. Ich konnte damals noch nicht zwischen dem FC und der Nationalmannschaft unterscheiden. Für mich verkörperte er den Fußball schlechthin. Wenn wir auf der Straße gespielt haben, war ich natürlich immer Hans Schäfer. Das war völlig klar.

Was hat Hans Schäfer für Dich dargestellt? Was hat ihn für Dich so besonders gemacht?

Er sah ein bisschen so aus wie mein großer Bruder, das war sicher ein Grund. Aber vor allem war er natürlich der prägende Spieler beim FC – einer der Jungs, die 1954 die erste Weltmeisterschaft nach dem Krieg geholt haben. Für mich war er ein Held. Fast irreal, wie Tarzan – wie aus einer ganz anderen Sphäre. In meiner Vorstellung war er unglaublich überhöht. Umso verrückter war es dann, als ich ihn später tatsächlich kennengelernt habe.

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Wann war das?

Nach dem ersten Abstieg 1998 haben wir einen Song von unserem Album, an dem wir gerade arbeiteten, mit einem alternativen Text versehen – daraus wurde „FC, Jeff Jas“. Für das Video dazu war es wichtig, dass ich mit Hans Schäfer zusammen auf der Tribüne sitze und ein Spiel anschaue. Ich weiß noch ganz genau, welches Spiel das war – ich glaube, wir sind damals gegen Rostock zuhause aus dem Pokal geflogen. Aber das war mir völlig egal, weil ich Hans Schäfer kennengelernt habe. Seitdem waren wir befreundet.

Zurück zum ersten Stadionerlebnis. Was hat dieses bei Dir ausgelöst?

Das war ja noch das alte Stadion mit der Laufbahn um das Spielfeld. Man war also nicht so nah dran wie heute. Nur Teile des Stadions waren damals auch noch überdacht. Der große Umbau kam erst in den 70er-Jahren. Trotzdem war die Atmosphäre unglaublich. Man war damals auch nicht besonders verwöhnt. Man kannte Fußball aus der Sportschau oder von Länderspielen im Fernsehen, aber plötzlich mittendrin zu sein – die Lautstärke, die Stimmung, das war beeindruckend. Selbst wenn damals oft deutlich weniger Zuschauer da waren als heute. Ein volles Stadion, wie wir es heute kennen, gab es damals eigentlich nur bei Endspielen.

Wie hat sich Deine Fanliebe damals gezeigt?

Merchandising gab es ja noch kaum. Stimmt. Aber es gab diese Kaugummi-Tüten mit Sammelbildern von Spielern. Auf dem Schulhof wurden die dann getauscht. Wenn ich FC-Spieler hatte, habe ich die allerdings nie hergegeben – egal, wie oft ich sie doppelt hatte. Alles andere wurde getauscht, aber FC-Spieler habe ich behalten. Wie viele Hans-Schäfer- und Karl-Heinz-Thielen-Bilder ich damals hatte, weiß ich gar nicht mehr. Von Hans Schäfer hatte ich auch mein erstes Autogramm.

Wie kam es dazu?

Das habe ich mir als kleiner Junge geholt, als er in einem Möbelgeschäft am Chlodwigplatz eine Autogrammstunde gegeben hatte. Das war für lange Zeit mein einziges Autogramm – nur von Keith Richards habe ich mir später noch eins geholt.

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Wie hat sich das mit den Stadion besuchen entwickelt? War sofort klar, dass Du jetzt immer zum FC gehen willst?

Das kam mit der Zeit. Es war damals auch eine finanzielle Frage. Ich weiß noch, dass ich mit der Straßenbahn hingefahren bin. Einen rot-weißen FC-Schal hatte ich auch – ich weiß aber gar nicht mehr, ob der gekauft war oder ob ihn vielleicht meine Tante gestrickt hatte.

Ist es nicht kurios, dass zu den größten Erfolgszeiten das Stadion oft leerer war als heute, wo die Erfolge seltener sind, aber alle um Tickets kämpfen?

Das ist eine Entwicklung, die es wahrscheinlich überall gibt. Ich habe von den Altinternationalen gehört, dass sie darüber manchmal auch ein bisschen sauer waren. Früher war es so: Wenn man schlecht gespielt hat, war das Stadion beim nächsten Mal deutlich leerer. Heute ist das Stadion im Grunde ja immer voll – egal, wie die Mannschaft spielt.

War die enge Verbindung zwischen Stadt und Verein damals schon so stark wie heute?

In Köln war Fußball immer gleich FC. Andere Vereine spielten nur eine untergeordnete Rolle.

Im Juli wirst Du mit BAP selbst im RheinEnergieSTADION im Mittelpunkt stehen. Was bedeutet es Dir, das Jubiläumskonzert dort zu spielen?

Wir haben tatsächlich lange hin und her überlegt, ob wir das überhaupt machen sollen oder nicht. Man muss dazu sagen: Wir haben immer versucht, die ganz großen Locations eher nicht zu spielen, weil wir lieber zu den Leuten hingehen. Wenn du ständig solche riesigen Konzerte spielst, kannst du natürlich deutlich weniger Auftritte machen. Bei solchen Shows gibt es ja den sogenannten Gebietsschutz – das heißt, in einem Radius von 80 bis 100 Kilometern darfst du dann sonst nirgendwo auftreten. Und das wollte ich eigentlich nie. Aber zum 50. Jubiläum nochmal ins Stadion zu gehen, das fühlte sich dann doch nach einer guten Idee an.

Der Zuspruch gibt Euch Recht.

Ja, wir haben gesehen, wie schnell das Konzert ausverkauft war, das ging wirklich ruckzuck. Damit hatten wir nicht wirklich gerechnet. Ich freue mich sehr, dass wir uns dafür entschieden haben. Die Setlist hängt bei mir hier gegenüber an der Wand und wird ständig überarbeitet. Ich überlege immer wieder: vielleicht lieber dieses Stück statt jenes. Auf jeden Fall wird das Konzert stärker auf Köln zugeschnitten sein als etwa Auftritte in München oder Hamburg.

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Du hast auch schon zweimal im Stadion gespielt.

Genau genommen sogar dreimal. Zweimal 1982, an zwei Tagen hintereinander, jeweils vor den Rolling Stones. Und dann nochmal 17 Jahre später, wieder als Vorband der Stones.

Welche Erinnerungen hast Du an diese Konzerte?

Das war genau in dem Jahr, als plötzlich überall im Radio „Verdamp lang her“ lief. Fritz Rau, der damalige Veranstalter der Stones-Tour, hatte mitbekommen, dass es da diese kölsche Band gibt, die im Radio rauf und runter läuft. Beim Vorverkauf für den zweiten Stones-Abend war nämlich irgendwann bei etwa 20.000 Tickets Schluss – da passierte einfach nichts mehr. Also hat er bei uns angerufen und gefragt, ob wir Lust hätten, am zweiten Abend vorher zu spielen, in der Hoffnung, dass er damit noch ein paar Karten verkauft. Und wir waren frech genug zu sagen: „Wenn, dann spielen wir an beiden Tagen.“ Das haben wir dann auch gemacht. Es wurde entsprechend plakatiert – und siehe da: Der zweite Tag wurde tatsächlich auch noch voll.

Wie war die Reaktion der Stones darauf?

Es gibt da diese schöne Geschichte, die mir Fritz Rau erzählt hat: Er kam mit Mick Jagger ins Stadion, während wir gerade „Verdamp lang her“ spielten. Das Stadion ist komplett explodiert, und Jagger fragte ihn: „What the hell is this, Fritz?“ Die Kölner waren damals unglaublich stolz darauf, dass wir als lokale Band vor den Stones gespielt haben. Das kann man kaum beschreiben, das war eine Begeisterung, die man so selten erlebt.

Zum Schluss: Gibt es Parallelen zwischen Musik und Fußball?

Auf jeden Fall. Eine Band ist genauso Mannschaftssport wie Fußball. Wenn eine Band nicht zusammenhält und nicht zusammenspielt, nutzen dir die größten Einzelkönner nichts – dann bleibt es eine schlechte Band. Beim Fußball ist es genauso. Eine Rock’n’Roll-Band und eine Fußballmannschaft funktionieren nach sehr ähnlichen Prinzipien.

Dieses Interview ist zuerst im GeißbockEcho (Ausgabe 3, Saison 2025/26) erschienen. Das gesamte Interview und viele weitere spannende Hintergrundstorys zum FC lest Ihr hier im geschlossenen Mitgliederbereich.