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„Wunder“ von Müngersdorf: „Der FC hat mir das Leben gerettet“

4.5.2026

Auf dem Tresen im Business-Bereich im Osten des RheinEnergieSTADIONs stehen zwei frisch gezapfte Kölsch-Gläser. Vor wenigen Augenblicken herrschte hier noch normaler Gastronomie-Betrieb, draußen läuft das Heimspiel des 1. FC Köln gegen den Hamburger SV, es steht 2:0 für den FC. Doch plötzlich steht die Welt still. Es geht um ein Menschenleben. Marc Stentenbach, 52, hat einen Herzstillstand erlitten. Nun muss alles blitzschnell gehen, ein Rädchen muss in das andere greifen. Stentenbach wird insgesamt – erst im Stadion, dann auf der Fahrt ins Krankenhaus – neunmal defibrilliert. Er überlebt.

„Es ist ein Wunder, dass wir heute hier stehen“, sagt Dr. Stefan Mauß. Rund ein halbes Jahr ist seit dem Vorfall vergangen, als sich einige der Beteiligten im RheinEnergieSTADION wieder treffen. Stentenbach ist es ein großes Anliegen, Danke zu sagen. Dr. Mauß war am Spieltag im Stadion im Einsatz, er war der erste behandelnde Arzt, vom Deutschen Roten Kreuz sind Johanne Stümpel und Malte Pütz anwesend, Geschäftsführer Stefan Grauer für den Wachdienst Luchs. Dazu als Vertreter des 1. FC Köln Veranstaltungsleiter Andreas Kafitz und Philipp Türoff, Sprecher der Geschäftsführung. Sie alle stehen stellvertretend für die vielen Beteiligten aus den verschiedenen Bereichen, die dafür gesorgt haben, dass Marc Stentenbach zwar noch angeschlagen ist, einen Stock zum Gehen benötigt, aber lebt.

Keine Erinnerungen mehr an den Stadionbesuch

Stentenbach ist dreifacher Familienvater, seine Frau begleitet ihn beim Termin, und war fit. Wenige Monate vor dem Herzstillstand im Stadion war er noch auf dem Kilimandscharo. Er ist vor dem Gipfel umgedreht. Vielleicht sein Glück. „Auf dem Kilimandscharo hätte mir sicherlich niemand so schnell helfen können“, sagt er. Die Geschichte zeigt, dass es jeden treffen kann, auch ganz ohne Vorwarnung.

An den Tag des 2. November hat Stentenbach, der aus dem Oberbergischen kommt, aber seit langem in Köln lebt und als Business-Kunde immer zum FC geht, keine wirklichen Erinnerungen mehr. Dass er mit seinem jüngsten Sohn Kai vor dem Anpfiff auf dem Rasen stand, weil dieser als lebenslanges Mitglied geehrt worden ist – weg. Erst im Krankenhaus setzen die Erinnerungen wieder ein.

Der Herzstillstand trat ziemlich genau in der 50. Minute ein. Stentenbachs Frau erinnert sich noch, dass gerade das Tor des HSV zum vermeintlichen 2:1 vom VAR überprüft worden ist.

Eingespielte Abläufe für schnelle Hilfe

Tritt im RheinEnergieSTADION ein Notfall ein, sind die Abläufe eingespielt. Überall im Stadion sind Sanitätstrupps des Roten Kreuzes, die für die Erstversorgung da sind. In diesem Fall meldeten sie schnell an, dass der Fall ernst ist. Der Wachdienst räumte in der Folge den Businessbereich und machte die Wege frei, damit Dr. Mauß als am nächsten befindlicher Arzt schnell zum Ort des Geschehens kommen konnte. Zwei Ärzte, bei Risikospielen auch drei Ärzte, aus einem festen Pool sind bei den FC-Heimspielen im Einsatz. An diesem Tag kommen weitere Ärzte dazu, am Ende kämpfen drei Notärzte um das Leben Stentenbachs.

Während es drinnen um Leben und Tod geht, wird draußen weiter Fußball gespielt. Dr. Mauß kann sich noch daran erinnern, dass zweimal das Trömmelche erklang. Der FC gewann mit 4:1.

Und auch Marc Stentenbach gewinnt an diesem Tag. Nach der Behandlung im Stadion wird er vom Rettungsdienst Köln ins Krankenhaus gebracht. Er überlebt. Ihm wurde ein Defibrillator eingesetzt, der einen weiteren Vorfall verhindern soll.

Statistisch ein Fall pro Jahr

Statistisch kommt ein Fall wie dieser einmal im Jahr im RheinEnergieSTADION vor. „Meistens leider nicht erfolgreich“, ordnet Malte Pütz vom Roten Kreuz ein. Bei medizinischen Notfällen reagieren die Fans sensibel, stellen den Support ein. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell ein 50.000 Menschen fassendes Stadion in kurzer Zeit nahezu verstummen kann. „Das ist wichtig für uns, wir müssen uns während des Einsatzes gut verständigen können“, sagt Johanne Stümpel vom Roten Kreuz.

Über 60 Helfende sind in den Fall von Marc Stentenbach involviert, von den Mitarbeitenden des Wachdienstes, über die Koordinatoren der Veranstaltungsleitung, das Rote Kreuz und die Ärzte. Dr. Mauß lobt die Abläufe, die ihm das bestmögliche Arbeiten sichergestellt hätten.

„Es ist uns wichtig, dass wir dem Ganzen auch Raum geben, denn diese Menschen bekommen nicht immer die gebührende Aufmerksamkeit“, sagt Philipp Türoff. „Wir haben viele Leute, die immer bereitstehen und ihr Möglichstes tun, um in solchen Situationen schnell reagieren zu können. Das ist bei einem Fußballspiel mit 50.000 Menschen, wo es vielen nicht nah genug, nicht schnell genug und nicht unkompliziert genug sein kann, nicht immer einfach. Deshalb gilt es Danke zu sagen an alle, die sich dafür gerademachen und helfen“, so Türoff, der Stentenbach neben einem signierten FC-Trikot auch einen kleinen Gipsgeißbock als Glücksbringer überreichte.

„Können Sie sich gar nicht vorstellen“: Freude bei den Helfenden

Am Abend des Spiels, das Stadion ist inzwischen leer, kommen alle noch einmal zusammen. In der Nachbesprechung können Gefühle geäußert und Fragen gestellt werden. Unter den Helfenden des Roten Kreuzes sind 15- oder 16-Jährige, die ehrenamtlich dabei sind. „Das hat alle sehr beschäftigt“, sagt Dr. Mauß, seit 25 Jahren Arzt und seit 15 Jahren im Stadion tätig. Auch ihn selbst: „Ich bin zwei Jahre älter, habe auch kleine Kinder.“ In den Tagen danach sickert die Information durch, dass Stentenbach überlebt hat, dass es ihm den Umständen entsprechend gut geht. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr sich alle Beteiligten gefreut haben“, sagt Johanne Stümpel.

Als Botschaft an alle Stadionbesucher sagt Marc Stentenbach Folgendes: „Seid rücksichtsvoll und helft einander. Wir sind eine große Gemeinschaft, die funktioniert und wirkt.“ Zuletzt beim Heimspiel gegen Bayer 04 Leverkusen war er erstmals seit seinem Herzstillstand wieder im Stadion. Er hat wieder Freude an seinem FC und der 2. November ist für ihn nun wie ein zweiter Geburtstag. Er ist an diesem Tag zu Tränen gerührt, die Dankbarkeit ist spürbar: „Der FC hat mir das Leben gerettet. Ich lebe und das Leben ist schön.“

Auf dem Foto von links nach rechts: Johanna Stümpel und Malte Pütz vom DRK, Arzt Dr. Stefan Mauß, Marc Stentenbach, FC-Veranstaltungsleiter Andreas Kafitz, Luchs-Geschäftsführer Stefan Grauer und FC-Geschäftsführer Philipp Türoff